NZZ: «Sali e Tabacchi» Eckwerte - von Urs Bühler 2.11.2016

Es braucht nichts Spektakuläres für einen rundum stimmigen Abend. Das beweist ein Besuch in diesem Lokal von schlichter Schönheit in Zürich Wiedikon.

Wie oft sind wir auf dem Weg in eines unserer Lieblingskinos an diesem hübschen kleinen Ecklokal vorbeigegangen mit dem schwarzen «T», das an Italienreisen erinnert: Es prangt sonst über dem Eingang der «Tabacci»-Läden, die Zigaretten, Briefmarken oder Busbillette veräussern. Ursprünglich hiessen sie in Zeiten, da auch Salz dem staatlichen Monopol unterstellt war, «Sali e Tabacchi». Und so nennt sich in Zürich Wiedikon das Gastlokal der Köchin Madeleine Speck und ihres Partners Marco Fazzone, das vor knapp zwei Jahren ein Thai-Lokal abgelöst hat.


Eines Tages betreten wir den kleinen, schlicht gestalteten Raum, statt nur daran vorbeizugehen. Die zauberhaften Wandlampen mit Art-déco-Anleihen heben sich ab vom verwechselbaren Chic vieler Neueröffnungen, wir fühlen uns auf Anhieb wohl. Auch wenn die rund dreissig Sitzplätze fast vollständig belegt sind wie an diesem Montagabend, ist die Atmosphäre angenehm ruhig. Das Publikum ist bunt gemischt; einige bestellen bloss ein Bier, was hier problemlos möglich ist, andere stillen den kleineren oder grösseren Hunger. Wer würde sich so ein unprätentiöses Lokal nicht um die Ecke seines Wohnorts wünschen?


Während des Apéritifs – der «Piccolo Bastardo» (Fr. 9.50) entpuppt sich als raffinierte Marriage aus Braulio, Ginger und ein paar Tröpfchen Angostura – dringt durch die offene Küchentür ein Brutzeln. Die täglich wechselnde Karte, laut Eigenwerbung auf «Kostbarkeiten aus dem mediterranen Raum» ausgerichtet, ist vernünftig klein gehalten, hält aber für Liebhaber wie für Verächter von Fleisch etwas bereit.


Einen feinen Auftakt bieten die gehaltvolle, würzige Erbsensuppe mit Minze (Fr. 9.-) und das süss-pikante Saganaki, gebratener griechischer Hartkäse im Mantel aus Honig und schwarzem Sesam (Fr. 10.50). Dem schmackhaften Pilzragout (Fr. 29.-) gibt eine Sauce mit kräftigem Paprika den richtigen Pfiff, die Spätzli sind leicht und frisch, das separat servierte Rotkraut knackig, aber durch Beimengung von etwas Preiselbeerkonfitüre geschmeidig gemacht. Fein auch das Lipsi, eine in der Schale gebackene Aubergine mit der nordafrikanisch inspirierten Chermoula-Marinade, Bulgur, einem Klecks Joghurt und einem für unseren Geschmack etwas fest geratenen Humus (Fr. 28.-). Dazu der offen angebotene Ripasso La Casetta (Fr. 9.- / dl), der hier etwas teuer verkauft wird, aber beweist, dass diese Sorte gar kein minderwertiger kleiner Abkömmling des Amarone sein muss.

Kundig und zuvorkommend agiert der Service, wobei die Chefin das Essen selbst aus der Küche bringt und vor dem Dessert diskret den Tisch abwischt, den wir beim Teilen der Teller verkleckert haben. Nun ist er bereit für eine letzte Köstlichkeit namens Suleika (Fr. 7.50), eine mit Honig gesüsste und mit caramelisierten Nüssen bestreute Mascarpone-Joghurt-Crème mit Dörraprikose.